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Wie ich meinen Kindern „das gute Leben“ zeige und was das überhaupt ist

Wie ich meinen Kindern „das gute Leben“ zeige und was das überhaupt ist

Knapp drei Wochen ist es nun her, dass unser K1, 17 Jahre alt, mit dem Flugzeug nach Norwegen aufgebrochen ist. Knappe sechs Monate wird sie dort bleiben. Wir werden uns in dieser Zeit nicht (persönlich) sehen. So ist das auch mit der Agentur, mit der sie das Schul-Auslands-Semester macht, vereinbart. Kein Besuch. Klingt hart, hat gleichzeitig Sinn. Das Kind könnte durch ein Treffen herausgerissen werden aus dem neuen Alltag, könnte Heimweh bekommen usw. usf. 

Also ist K1 nun auf sich gestellt. In einem sicheren Rahmen. Denn es ist ja in einer – ich habe sie online bereits kennengelernt – total sympathischen, tollen Familie vor Ort untergebracht. Trotzdem. Ob ich mir Sorgen mache? Nein. Wenngleich ich sie vermisse. Sorgen mache ich mir nicht. Denn ich weiß, dass sie weiß, was sie tut. Ich weiß, dass sie weiß, was gut für sie ist. Und ich hoffe sehr, dass sie mögliche Gefahren erkennt, bevor sie wirklich gefährlich werden. 

Eine Frage des Vertrauens 

So ein Auslandssemester ist definitiv eine Frage des Vertrauens. Traue ich meinem Kind zu, in einer vollkommen fremden Umgebung ohne mich zurecht zu kommen? Ich habe bei dieser Frage von Anfang laut JA geschrien. Und ich tue das immer noch. 17 Jahre lang habe ich ihr – so hoffe ich es zumindest – vorgelebt, wie das „gute Leben“ meiner Meinung nach geht. Doch was ist das überhaupt? Das gute Leben?

Eine Frage des Lebensstils

Jeder hat vermutlich eine etwas andere Definition vom guten Leben. Gleichzeitig bin ich davon überzeugt, dass es einen Lebensstil gibt, der allen Menschen gut tut. Der Körper und Geist gesund hält und der dazu führt, dass Entspannung und Konzentration, soziale Interaktionen sowie Freude und Zufriedenheit möglich sind. 

Bewegung spielt dabei eine wichtige Rolle. Das Rausgehen in die Natur ebenso wie gemeinsames Essen, gemeinsames Feiern, Beisammensein, der Wert von Freundschaft und Familie. Die Bereitschaft, sich anzustrengen, aus der eigenen Komfortzone rauszugehen, Dinge auszuprobieren, die eigene Neugierde am Leben zu erhalten. 

Verzicht ist das Schlüsselwort

All das bedingt heut zu Tage einen gewissen Verzicht zu leben. Verzicht auf die Vorzüge der modernen Technik zum Beispiel. Nicht immer gleich ins Auto zu steigen für die kurzen Wege. Bei Lust auf Unterhaltung nicht immer gleich eine Serie zu streamen sondern ganz bewusst zum Buch zu greifen. Selbst Cookies zu backen anstatt zur fertigen Variante im Supermarkt zu greifen. 

Nicht mit dem Denken aufhören! 

Das gute Leben ist nicht das bequeme Leben. Es ist die bewusste Entscheidung fürs Selbermachen, fürs Selberbewegen, fürs Selberdenken. Es ist die Entsagung der Verführungen des Internets bei gleichzeitiger bewusster, sinnvoller Nutzung. Denn es ist ja nicht grundsätzlich so, dass Handy, Web und Co. Blödsinn wären. Ganz im Gegenteil. Und jetzt noch dazu mit den tollen Vorzügen der userfreundlichen Nutzung von KI. Was ich dank ChatGPT schon alles recherchiert habe! Welch tolles Instrument! Doch es gilt dabei immer den eigenen Verstand miteinzusetzen. Nicht das Denken aufzuhören. Wach zu bleiben. Und aktiv. Statt passiv und mit halb offenen Augen durch die Welt zu gehen. 

All das versuchen mein Mann und ich unseren Kindern nach bestem Wissen und Gewissen vorzuleben. Wir gehen in der Freizeit wandern – was die Kinder nicht immer jubelnd befürworten, wir verzichten auf ein zweites Auto und mein Mann fährt täglich mit dem Fahrrad zum Zug, mit dem er dann weiter zur Arbeit fährt, ich gehe die meisten Strecken zu Fuß, wir haben keinen Fernseher sondern streamen bewusst und nur ab und an am Laptop und verbringen unsere Wochenende gerne gemeinsam beim Tisch und unterhalten uns oder spielen Spiele. 

Alles das sind keine großen Sachen, alles keine eigenen Erfindungen. Doch all das ist in Zeiten von Handys und Tablets in den Händen von Kleinkindern und Mediennutzungszeiten von Jugendlichen, die zweistellig sind, keine Normalität mehr. 

Wann bekomme ich endlich ein Handy? 

Und so kaufen wir auch ganz bewusst unseren jüngeren Kindern vorerst kein Handy, sondern erst mit dem Eintritt in die höhere Schule also im Alter von 10 Jahren. Obwohl ich auch das noch als zu früh erachte. Aber irgendwann steigt der Druck. Das Thema Zugehörigkeit wird größer und schon seit der ersten Klasse Volksschule hat mittlerweile die Mehrheit der MitschülerInnen von K3 und K4 (9 und 8 Jahre alt) ein Handy. Wozu sie das Gerät wirklich nutzen würden, wissen sie eigentlich selbst nicht wirklich. Aber dass sie auch eines möchten, weil sie auch dazugehören wollen, das ist im Gespräch rasch klar geworden. 

Trotzdem – auch wenn das Zugehörigkeitsthema in Punkto Entwicklung in diesem Alter essentiell ist – wir werden unseren Kinder einstweilen kein Handy geben. Sie haben auch so Medienzeit genug. Mit Hörspiel hören und einmal pro Woche einen Film ansehen und zusätzlich noch einmal pro Woche eine Serie. Mehr macht keinen Sinn. Mehr würde unserer Ansicht nach schaden. 

Keine Kontrolle, dafür im Gespräch bleiben 

K1 und K2 (15 Jahre alt) haben natürlich ein Handy. Sie verfügen auch über ein eigenes Tablett bzw. einen eigenen Laptop. Kontrolliert wird ihre Medienzeit von unserer Seite her schon lange nicht mehr. Doch wir sind im Gespräch darüber. Immer wieder. Und wir versuchen selbst vorzuleben, dass das Handy durchaus an den Wochenenden über weite Strecken des Tages einfach in der Kommode liegen darf. 

Wie K1 das nun in Norwegen lebt? Ich vertraue auf ihr fertig entwickeltes gutes Gespür für das gute Leben und den damit verbundenen guten Umgang mit Medien. TikTok hat sie gar nicht, für Insta hat sie sich selbst ein Zeitlimit gesetzt, Snapchat und WhatsApp als Kommunikationskanäle verwendet sie – doch meines Wissens weniger als viele ihrer AlterskollegInnen. 

Ja, es ist gibt ganz schön viel zu bedenken in Punkto gutes, gesundes Leben im Jahr 2026. Denn das, was heute normal ist, ist nicht mehr das, was gut ist. Das ist schade und macht es schwer für uns Eltern. Da wir regelmäßig sagen dürfen, dass dieses und jenes zwar „alle“ machen, doch dennoch nicht gut ist. 

Und damit schließe ich mit einer festen Umarmung nach Norwegen zu K1, denn die will jetzt auch endlich ganz regelmäßig meinen Blog lesen, hat sie mir kürzlich gesagt. Und das freut mich sehr! 

Eure Michaela 

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1 Kommentar
  • Liebe Michaela, ich bin immer wieder fasziniert von deinen Blogs.
    Mit jeder Zeile, finde ich, hast du recht. Aber das auch tatsächlich so zu leben, ist mehr als eine Meisterleistung.